OpenAI hat 722 mathematische Arbeiten zu 372 offenen Problemen veröffentlicht, die Bereiche von Algebra und Geometrie bis hin zur theoretischen Informatik abdecken. Das Unternehmen erklärte, die größtenteils von einem noch nicht offengelegten KI-Modell erstellten Arbeiten könnten dazu beitragen, die Grenzen menschlichen Wissens zu erweitern. Die Veröffentlichung hat unter Mathematikern sowohl Begeisterung als auch Besorgnis über die Zuverlässigkeit der Ergebnisse und ihre Präsentation ausgelöst.

Einige Arbeiten beanspruchen Fortschritte bei prominenten, seit Langem ungelösten Fragen, darunter die Riemannsche Vermutung und die Birch-und-Swinnerton-Dyer-Vermutung. Beide gehören zu den sieben Millennium-Problemen, für deren Lösung jeweils ein Preisgeld von 1 Million US-Dollar ausgelobt ist. Mehrere Arbeiten aus der Sammlung wurden inzwischen zurückgezogen oder überarbeitet.

OpenAI zufolge veröffentlichte das Unternehmen die Ergebnisse, um den Fortschritt in der Mathematik zu fördern. Einige Forscher haben jedoch infrage gestellt, ob die Arbeiten klar genug sind, um sie beurteilen zu können. Ein Mathematiker sagte dem Autor des Artikels, eine Arbeit zu einem Problem, mit dem er sich gut auskenne, sei so schwer verständlich gewesen, dass sie seiner Ansicht nach nicht für die Begutachtung durch eine Fachzeitschrift geeignet gewesen wäre. Der Autor berichtete außerdem, dass ChatGPT starke Zweifel an mindestens einem vielbeachteten Ergebnis geäußert und gesagt habe, man solle es ohne eine vollständige fachkundige Prüfung nicht als Beweis ansehen.

Die Veröffentlichung folgte auf eine separate Kontroverse um OpenAIs Arbeit vom September zu einem Fall des Navier-Stokes-Problems, einem weiteren Millennium-Problem. Die Mathematiker Tristan Buckmaster und Levent Alpöge warfen OpenAI vor, auf ihre Daten zugegriffen und ihre Ideen genutzt zu haben, bevor das Unternehmen Rechenressourcen für eine Lösung einsetzte. OpenAI wies die Vorwürfe zurück.

Der Umfang der neuen Sammlung hat auch Fragen zu den vor der Veröffentlichung vorgenommenen Prüfungen aufgeworfen. OpenAI hat drei Arbeiten wegen eines elementaren Fehlers zurückgezogen und mehrere andere korrigiert, nachdem Fehler ihre Ergebnisse ungültig gemacht hatten. In der Mathematik wird neue Forschung üblicherweise von Fachleuten begutachtet, bevor sie Teil der anerkannten Fachliteratur wird; bei umfangreichen technischen Arbeiten kann dieser Prozess Jahre dauern. Die Begutachtung durch die Fachgemeinschaft wird daher entscheidend dafür sein, festzustellen, ob die Behauptungen Bestand haben.

OpenAI zufolge hat das Unternehmen 300 der wichtigsten Ergebnisse formalisiert und dabei Software wie Lean verwendet, um mathematische Argumente in Beweise zu übersetzen, die ein Computer Schritt für Schritt überprüfen kann. KI-Systeme werden zunehmend eingesetzt, um diesen Prozess zu automatisieren. Formalisierungen können jedoch auch fehlerhaft implementiert werden, und frühere KI-generierte Arbeiten, darunter solche zu Navier-Stokes, sind ebenfalls infrage gestellt worden. Unklar ist weiterhin, ob Mathematiker OpenAIs Formalisierungen akzeptieren werden.

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung reichten von der Bezeichnung als historischer Meilenstein bis hin zu Kritik am Umfang des Materials und an der Belastung, die Forschern auferlegt wird, wenn sie es begutachten sollen. Die Ergebnisse haben Fachleute, die mögliche Fortschritte untersuchen, angespornt und zugleich Sorgen darüber ausgelöst, wie sich die rasante KI-gestützte Forschung auf die Arbeit von Mathematikern auswirken könnte, insbesondere auf Studierende und Forschende am Anfang ihrer Laufbahn.

Quellen: Folha Ciência.